Der 19. Mai ist ein wichtiger Tag – es ist der Geburtstag von Kemal Atatürk, der die Türkei westlich orientiert und demokratisch reformiert hat. Genau an diesem Tag hat der Abschlussjahrgang des Reutlinger EUROPA-INSTITUTes Cem Özdemir, Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen und Abgeordneten des Europäischen Parlaments (Die Grünen / Freie Europäische Allianz), zu einer Diskussionsrunde eingeladen. Die Idee des direkten Gesprächs entstand durch die Studienarbeit von Frau Görkem Hayta: Nach ihrem Praktikum im türkischen Parlament schreibt die angehende Multilingual Management Assistant auf Französisch ihre Arbeit über Europa und die Türkei.
Draußen empfangen Studierende die Vertreter der Presse mit Pressemappen und geleiten sie persönlich in den professionell vorbereiteten Vortragsraum. Dort laden drei Studierende, Kathrin Fischer, Rebecca Spohn und Görkem Hayta, mit einer Neugier weckenden Einführung Herrn Özdemir zum Gespräch ein. „Ich kann dieses Niveau nicht halten“ sagt er als Erstes, vom engagierten Auftakt offenbar beeindruckt.
Die Türkei möchte in die Europäische Union – die EU verspricht es dem Land seit Langem, trotzdem steht dem definitiven Beitritt noch Vieles im Wege, obwohl sich die Türkei Richtung Demokratie unaufhaltsam entwickelt. Cem Özdemir hat einen direkten Überblick, er kennt sich mit dem Thema aus: Er wurde 1994 als erster Abgeordneter mit Migrationshintergrund in den Bundestag gewählt und als Mitglied der Europäischen Union steht er im Zentrum der Debatte. Gleich drei sensible Themen spricht er offen an, die bis vor Kurzem in der Türkei als absolute Tabuzone galten: Die Zypern-Frage, die Kurden und die armenische Frage. Heute sind in diesen Bereichen undenkbar viele positive Entwicklungen im Gange, all das hat das Versprechen des EU-Beitritts ausgelöst. Dieser Wandel ist nicht mehr aufzuhalten. „Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Arzt. Welches Medikament würden Sie der Türkei heute verschreiben?“, fragt ihn Frau Hayta. „Ich würde zuerst fragen, was für ein Medikament der Patient bisher bekommen hat.“, antwortet Herr Özdemir. „Es war ein Medikament mit katastrophalen Nebenwirkungen, dessen Dosis immer weiter erhöht wurde. Ich würde eine neue, grüne Medizin nehmen“ – lächelt er - „Zuerst würde ich mal auf die alten Leute hören, wie die kulturelle Vielfalt im Osmanischen Reich funktioniert hat. Diese Vielfalt in einer gemeinsamen Republik möchte ich anstreben, in der jeder seine Sprache und seine Religion hat. Mein Rezept ist die Demokratie!“
Die Türkei kann nur auf diesem Wege in die EU aufgenommen werden, in eine neue, ausgedehnte EU mit verteilten Kräftezentren in Ost- und Westeuropa. „Was dann, wenn die Türkei nicht in die EU aufgenommen werden könnte oder gar selbst „nein“ zum Beitritt sagen würde?“ fragt eine Studierende. „Das wäre natürlich super für die arabischen Länder, denn für sie wäre dies der beste Beweis, dass die muslimische Kultur und die Demokratie nie zusammen funktionieren können.“ Die Türkei ist aber das islamische Land, das Europa am nächsten steht – warum sollte dann die Westannäherung verhindert werden? Auf die Frage nach der Assimilation der türkischen Migranten antwortet Cem Özdemir mit einem Zitat von Kemal Atatürk: „Frieden zu Hause – Frieden in der Welt“. Jeder, der sich um ein gutes Miteinander bemüht, trägt aktiv zum Erfolg bei.
Die Diskussionsrunde schließt mit Frau Haytas Worten: „Mit 21 Jahren weiß ich endlich, woher ich komme. Aber auf die Frage: Bin ich eine Deutsche oder bin ich eine Türkin, weiß ich immer noch keine Antwort.“ Cem Özdemir bietet die Lösung an: „Vielleicht muss man sich gar nicht für die eine oder andere Option entscheiden, es gibt im Amerikanischen den Ausdruck Bindestrich-Identität. Ich habe eine deutsch-türkische Identität, weil beide gleich wichtig sind“. Anschließend laden die Studierenden alle Teilnehmer noch zu einem internationalen Buffet ein: In drei Räumen sind alle europäischen und türkischen Leckerbissen gekonnt präsentiert. Die aufregende Diskussion mündet in vielen Einzelgesprächen und in einem intensiven Austausch.
Bravo, Frau Hayta; ein großes Kompliment, Studierende – das haben Sie ausgezeichnet gemacht! Bilder: Jan Zawadil, Fotojournalist |